Wochenbettdepression

Und da war sie, die Wochenbettdepression

„Hormone können schon Arschlöcher sein“ sagt meine Schwester, als ich ihr von meiner Depression im Wochenbett erzähle. Recht hat sie. So großartig Hormonausschüttungen sein können, ebenso können sie unser Leben immens negativ beeinflussen. 

Eine postnatale Depression unterscheidet sich vom Babyblues, der einige Tage nach der Geburt auftritt und in den meisten Fällen auch nach ebenso wenigen wieder aufhört. Der Babyblues wird auch als „Heultage“ bezeichnet und nicht umsonst sagen Hebammen gerne „wenn die Tränen fließen, dann fließt die Milch.“ Mit diesem Phänomen sind etwa 70 % der Frauen nach der Geburt vertraut. So setzt der Babyblues rund um den Milcheinschuss ein und Frauen können sich erschöpft, müde, traurig, weinerlich und aggressiv fühlen. Die Wochenbettdepression kann etwa 6 Wochen nach der Geburt, manchmal aber auch erst nach dem ersten Geburtstag des Kindes, eintreten. Gekennzeichnet ist sie durch Merkmale einer herkömmlichen Depression. So kann Frau sich müde, ausgelaugt, antriebslos, traurig, ängstlich, panisch und schuldig fühlen. Die Dauer variiert von einigen Tagen, über Wochen bis hin zu Monaten. Ausgelöst werden beide Depressionen durch den akuten Abfall von Östrogen rund um die Geburt. Östrogen wirkt stark stabilisierend und erhöht die Konzentration von Serotonin, welches wiederum für unser Seelenwohl verantwortlich ist. Daher können Frauen diese Emotionen auch während der Menstruation und der Wechseljahre verspüren. 

Bei einer starken Depression nach einer Geburt, kann man wie bei jeder Erkrankung dieser Art, mit Antidepressiva behandeln. Oftmals reicht jedoch schon ein Erkennen aus, um mehr Wohlbefinden zu erlangen. Die Wochenbettdepression ist bei uns stark tabuisiert und sehr oft werden Frauen nicht ernst genommen. Es erscheint als würde die Tatsache, dass sich die Hormone eines Tages wieder stabilisieren ausreichen, um Frauen in dieser Ausnahmesituation alleine zu lassen. Gepaart ist diese Form der Depression mit starken Schuldgefühlen und Scham. Sollten wir uns nicht gerade jetzt unfassbar dankbar, glücklich und zufrieden fühlen? So löst das Gefühl eine unzureichende Mama zu sein, erneut eine depressive Stimmung aus und der Teufelskreis ist in sich perfekt geschlossen.

Nach der Geburt von Emil verspürte ich am dritten Tag, am Tag des Milcheinschusses, eine starke Sensibilität und musste sehr viel weinen. Damit war der Babyblues erledigt und ich glückselig in meiner neuen Rolle als Mama. Die Geburt von Alva durfte ich nochmals als wundervoll erleben und mit Endorphinen ausgestattet bin ich ins Wochenbett gestartet. Vorsorglich habe ich für den dritten Tag keinen Besuch geplant, doch die Tränen blieben ohnehin aus. Etwa 6 Wochen nach der Geburt von Alva begann ich mich extrem panisch zu fühlen. Ich war mir 5 Tage lang sicher einen ausbrechenden Herpes zu haben und habe mit Mundschutz geschlafen, um meine kleine Tochter nicht zu töten. Ich konnte sie kaum angreifen, weil ich mir sicher war eine Gefährdung für sie darzustellen. Gefolgt von einer eigenen Hautkrebsdiagnose, die mich eine ganze Nacht weinend am Boden unseres WCs verbringen hat lassen. Danach verspürte ich eine Ganzkörperpilzerkrankung, die mit Sicherheit das Leben von Alva und auch mein eigenes gefährden würde. Diese unfassbare Panik geht an manchen Tagen mit einem Gefühl der Traurigkeit und Antriebslosigkeit einher. Es gab und gibt immer noch Tage, an denen ich mich kaum überwinden kann aufzustehen. Für mich, als einen Menschen, der nie depressive Verstimmungen kannte, ein unfassbar unerträgliches Gefühl. Erst als ich verstand, dass das alles Zeichen einer Wochenbettdepression sind, konnte ich handeln. 

Ich suchte mir einen neuen Gynäkologen, der mich umfassend beriet und der Satz von ihm „wenn man es erstmals erkennt und benennt, ist es auch schon beinahe wieder vorbei“, zeigt sich bei mir als durchaus wahr. Ich versuche mir Alltag zu schaffen, täglich auf meine Matte zu gehen, sooft sich die Sonne im grauen Wiener Becken zeigt gehen wir spazieren und wenn der tägliche Gang zum Spiegel, um den etwaigen ausbrechenden Herpes zu kontrollieren ruft, lächle ich mir versöhnlich zu. Es gibt Tage, an denen ich mich ganz normal fühle, mit meinen Kindern unbeschwert lache und spiele, Handstände mache und tanze und ein Mittagessen koche. Doch es gibt auch jene Tage, an denen alles grau ist. Wo ich kaum Überlebenschance für mich und meinen Säugling sehe und das Bett mein bester Freund ist. Aber auch an diesen Tagen weiß ich, dass das ein Spiel meiner Hormone ist und ein Ende haben wird. 

Warum schreibe ich über diese Depression? Ich arbeite seit etwa 10 Jahren sehr eng mit Menschen. Ich massiere, halte private Yoga- und Pilatesklassen, begleite Frauen in der Schwangerschaft und danach in der Rückbildung. In diesen Momenten der Nähe, erfahre ich wirklich so gut wie alles dieser Menschen. Ihre Gefühle, Ängste und Freuden – doch ich habe so gut wie noch von Frauen erfahren dürfen, dass sie an einer postnatalen Depression leiden. Es ist ein Thema der absoluten Schuld und Scham und des absoluten Tabus und das gehört gebrochen!

Wochenbett

Das Wochenbett!

Das Wochenbett wirkt auf viele von uns in der westlichen Welt, wie ein Begriff aus alten Tagen mit dem wir wenig anfangen können. Haben doch meist weder unsere Mütter noch deren Mütter ein längeres Wochenbett gehalten und so wird das Ausrasten nach der Geburt oft als Schwäche gesehen. Ich selbst verband lange Zeit mit dem Begriff des Wochenbetts eine romantisierte Vorstellung von Frauen in Dorfgemeinschaft, die die ersten Wochen nach der Geburt ihres Kindes ruhend im Bett verbracht haben und dabei von den Frauen des Dorfes mit Essen, Rat und Haushaltshilfe unterstützt wurden. Wenn man sich aber ein wenig in die Geschichte des Wochenbetts einliest, merkt man schnell, dass diese – wie zumeist die gesamte Frauengeschichte – eine wenig Romantische ist. So galt die Frau im Mittelalter als unrein solange sie Wochenfluss hatte und musste diese Zeit abgeschottet im Wöchnerinnenzimmer verbringen. Mit dem Versiegen des Blutes , durfte sie zurück in der Kirche zeremoniell gereinigt werden. Jede Kultur hat eine andere Länge und Form des Wochenbetts und selbst in der harten Zeit des Nationalsozialismus wurde auf eine strenge Einhaltung eines 10-tägigen Wochenbettes geachtet. Dabei ging es weniger um die Achtung vor der Anstrengung der Schwangerschaft und Geburt, als darum Frau und Kind möglichst gesund und stark zu machen. Als Fazit kann man wohl dennoch ganz klar ziehen, dass ein Wochenbett mit entsprechender Entlastung und Schonung der Frau über die Jahrhunderte hinweg ein probates Mittel für eine physische und emotionale Gesundheit von Frau und Kind darstellt. 

Doch kommen wir zurück in unsere Zeit. Frauengeschichte ist geprägt durch Unterdrückung, Kampf nach Gleichstellung und meist mit Gewalt versehen. Es liegt wohl im Naturell der selbstbewussten Frau das nicht genau betrachten zu wollen. Zu schmerzhaft ist ein wirkliches Hinsehen, wie wir Frauen im Laufe der Geschichte Schwangerschaften, Geburt und das anschließende Wochenbett erlebt haben. Gut abgespeichert in der Epigenetik bedarf es einer enormen Anstrengung und Achtsamkeit diese Geschichte zu durchbrechen und zu heilen. Die Härte und Selbstverständlichkeit, die ich höre wenn ich den Geburtsgeschichten von Frauen der Generation meiner Mama lausche, lässt mich meist bedrückt zurück. Selbstverständlich ist man gleich spazieren gegangen. Natürlich war der Mann arbeiten und man hat Haushalt geschupft und Kinder betreut. Klar hatte man Schmerzen – man wurde ja schließlich brachial aufgeschnitten – aber da jammert man nicht. Frau beißt die Zähne zusammen und stellt sich dem Alltag. 2020 ist die Härte eine andere: der Mann nimmt sich doch meist zumindest 2 Wochen Urlaub, die Physiotherapeutin schaut im Krankenhaus kurz vorbei und wenn man Glück hat, hat man eine Hebamme, die zumindest erklärt wie man sich gut um seine Geburtsverletzungen kümmert. Doch soziale Foren zeigen die fitten Mamas unmittelbar nach der Geburt wunderschön, gertenschlang und trainiert. Heidi Klum läuft einige Wochen nach dem Wunschkaiserschnitt wieder eine Unterwäscheshow und die meisten von uns erliegen dem Druck lange gut zu stillen, ausgewogen und gesund zu kochen und Tiefkühlessen und Hipp-Gläser beschämen uns. Mit all der gebotenen Reflexion ist es uns, sofern dieses Wissen parat steht, die finanzielle Situation es erlaubt und das Familiengefüge stimmig ist, dennoch möglich die Frauengeschichte zu verändern.

Ich selbst habe nach der Geburt meines Sohnes, die ich als ausgesprochen schön erleben durfte, ein sehr strenges Wochenbett gehalten. Maßgeblich verdanke ich das meiner Hebamme, die mich klar auf die Vorteile hingewiesen und meinen Mann dazu beordert hat, dieses streng zu überwachen. Eine Woche im Bett, eine Woche am Bett und eine Woche ums Bett. Die ersten zehn Tage nach der Geburt gelten als frühes Wochenbett und sollten tatsächlich streng eingehalten werden. Diese Zeit ist wichtig um eine erste intensive Beziehung zwischen Mama und Kind zu ermöglichen. Die beiden kennen sich zwar schon einige Monate, aber der erste physische Kontakt bildet wahrscheinlich die Grundlage für die Beziehung. So ist ein ausgiebiges Kuscheln und Erspüren von Haut wichtig um genügend Oxytocin auszuschütten. Dieses Hormon brauchen wir ganz dringend um die Milchbildung anzuregen. Mama und Baby stimmen sich aufeinander ein und können in Ruhe eine gute Stillbeziehung aufbauen. Wenig förderlich dabei sind viele lange Besuche, bei denen die Mutter selbst für die Bewirtung der Gäste zuständig ist. Am besten bleibt ihr im Pyjama und beschränkt die Besuchszeit auf maximal eine Stunde und bittet eure Gäste etwas zum Essen mitzubringen. Im Wochenbett findet neben dem Aufbau eurer Stillbeziehung aber auch eine immense Hormonumstellung statt, die viele Frauen sehr fordern kann und oftmals in die Wochenbettdepression führt. Umso wichtiger ist es jetzt, dass du gut auf dich achtest, so viel wie möglich schläfst, die Zeit als neue Familie auskostest und dir ganz viel Ruhe gönnst.

Dein Baby ist geboren und damit hat dein Bauch wieder ganz viel Platz. All deine Organe müssen sich langsam wieder an ihren ursprünglichen Ort einfinden, der Darm organisiert sich neu und die Gebärmutter arbeitet daran sich zusammenzuziehen. Diese Vorgänge kombiniert mit der Anstrengung der vorangegangen Schwangerschaft und Geburt kosten viel Energie. Sei so achtsam und liebevoll du kannst zu dir und halte dir immer wieder vor Augen was du Großartiges leistest. Dein Körper schafft Leben und nährt Leben. 

Der Geburtsvorgang hat deinen Körper auf vielen Ebenen wohl gefordert, aber ganz besonders deinen Beckenboden. Ich erinnere mich gerne an die Geschichte meiner Osteopathin, die von einer Wiener Privatklinik erzählt hat. In der sie unzählige Male bereits nach der Geburt, als Physiotherapeutin den Hometrainer ins  Zimmer der Frau bringen musste. Eine gute Rückbildung ist unfassbar wichtig, sie fängt aber erst nach einigen Tagen ganz, ganz sanft an. Niemand käme nach einer Operation oder schweren Erkrankung auf die Idee, sich körperlich zu fordern. Uns ist allen klar, dass man sich einige Zeit schont, rastet und dann langsam mit dem Aufbau der Muskulatur – im besten Fall unter Observierung eines entsprechenden Therapeuten – beginnt. Doch Frauengeschichte ist anders! Es liegt leider auch hier an uns Frauen selbst, diese zu verändern. Die ersten Tage nach der Geburt solltest du so wenig sitzen, stehen und gehen wie möglich, um den Druck auf deinem Beckenboden so gering wie möglich zu halten. Erst danach beginnt eine sanfte Rückbildung. Als Feministin und politischer Mensch tut es mir immer wieder weh zu sehen wie brutal mit dem Körper der Frau umgegangen wird. Wie selbstverständlich Geburtsverletzungen, Gewalt im Kreißsaal und das Funktionieren der Frau in unserer Gesellschaft vorausgesetzt wird. Das Private ist Politisch und ich wünsche mir sehr eine Frau in der Politik, die sich für das Recht der Frau auf eine physische Unversehrtheit einsetzt. Das Thema bietet unzählige Aspekte und ich freue mich schon auf weitere Blogartikel dazu. Wenn du gerne mehr über ein Thema lesen möchtest, schreib mir einfach 🙂

Die Geburt meines zweiten Kindes steht an, auf die ich mich schon wirklich sehr freue. Dabei nicht nur auf das im Arm halten meiner Tochter, sondern auf die Geburt von Alva an sich. Wie bei Emil habe ich vor die ersten Wochen und Monate hauptsächlich kuschelnd im Bett zu verbringen. Denn die Welt da draußen wird es danach auch noch geben!

Der perfekte Leistungsträger

Bei der Wiener Gemeinderatswahl am kommenden Sonntag geht es um sehr viel. Zumindest für mich. Ich liebe diese Stadt. Wie keine andere Großstadt, in der ich bislang war, gelingt es Wien allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen. Als bekennende Sozialdemokratin und Mitglied der SPÖ seit über 18 Jahren, geht es mir jetzt aber gar nicht darum die Errungenschaften dieser aufzuzählen. Es sei doch erwähnt, dass wir den Luxus grüner Oasen wie den Lainzer Tiergarten oder den Grünen Prater mitten in der Stadt haben, wohnen mittlerweile teuer – dennoch leistbar – ist, die öffentlichen Verkehrsmittel unfassbar gut ausgebaut und sehr günstig sind, die Stadt eine Vielzahl an kulturellem Angebot bietet und die Kriminalitätsstatistik rückläufig ist. Nicht umsonst gewinnt unsere Bundeshauptstadt Jahr für Jahr den ersten Platz der lebenswertesten Stadt der Welt. 

Seit einigen Jahren haben wir in der Bundespolitik Menschen, die die absoluten Leistungsträger der Gesellschaft darstellen. Sie sprechen jene Leistungsträger unter der österreichischen Bevölkerung an, die tatsächlich diesem Menschenbild entsprechen und jene, die gerne so wären. Sebastian Kurz und seine Regierungsmannschaft sind die perfekten Schwiegersöhne. Ich schreibe absichtlich Söhne, weil die Frauen der Neuen Volkspartei wie gruselige humanoide Roboter wirken, die keine eigenständige Meinung und Persönlichkeit mitbringen durften. Ich glaube dem Bundeskanzler und Gernot Blümel, dass sie vor der Arbeit noch ins Fitnessstudio gehen, nicht rauchen, die Wochenenden wandernd verbringen, gemäßigt und gesund essen, einen Bestseller pro Quartal lesen und ebenso oft ins Burgtheater gehen. Sie sind makellos, unangreifbar wie unmenschlich. Diesen menschlichen Perfektionismus und Leistungsgedanken legen sie allerdings auch auf die Bevölkerung um. Es wird doch möglich sein Deutsch zu erlernen, obwohl das Budget für Begleitlehrerinnen gekürzt wurde. Ein bisschen Engagement darf man von den Menschen doch erwarten. Herr Mahrer ermahnte uns kürzlich, dass die Bereitschaft der Arbeitssuchenden ihren Wohnort an das andere Ende des Landes zu ziehen größer werden müsse. Sonst sieht man sich eben gezwungen das Arbeitslosengeld zu kürzen. Ein bisschen Flexibilität darf man sich doch wohl erwarten. Die Erweiterung auf eine 60-Stunden Woche ist ja schon fast wieder vergessen. Ohne Fleiß kein Preis liebe Leute. Finanzminister Blümel kandidiert nun in Wien für die Neue Volkspartei. Er gilt mit seinem Magister der Philosophie als der Intellektuelle der Türkisen und die Vorstellung, dass Wien tatsächlich von Menschen wie dem Finanzminister mitgestaltet wird,  lässt mich erschaudern und um meine geliebte Stadt bangen.

Zum ersten Mal seit ich denken kann, erinnere ich mich nostalgisch an die Köpfe der alten ÖVP. Waren Kdolsky, Leitl und Gio Hahn echte Menschen mit Ecken, Kanten und Makel. Ich fürchte die FPÖ und das Team HC Strache in Wien nicht. Ihr Wahlprogramm ist ehrlich, durchschaubar und es muss offenbar einen gewissen rechten Anteil an Wählerinnen in jeder Gesellschaft geben. Ich fürchte um das solidarische, schöne Miteinander dieser Weltstadt. Wo man im Kaffeehaus eine Stunde Zeitung liest und einen kleinen Braunen trinkt. Wo Leistung nicht alles und Leben mehr ist, als zu funktionieren. 

Die Schande Europas

Es hat über vier Tage gedauert, bis ich es geschafft habe mir Fotos von Moria anzusehen. Vier Tage an denen ich wohl Fotos gesehen, Berichte gelesen, Interviews gehört habe – aber es hat vier Tage gedauert, um tatsächlich zu wagen dieses Elend mit meinem Herzen zu sehen. Danach musste ich so bitterlich weinen, wie schon sehr, sehr lange nicht mehr. Zu wissen, dass mein kleines Kind wohl behütet in unserem Familienbett schläft, gut genährt, warm gebadet, in frischer Windel, in sauberer Wäsche. Zu wissen, dass wir ihn gemeinsam gestreichelt, seine Lieblingsmusik gehört haben, er seine Gute-Nacht-Flasche getrunken hat und sicher geborgen in den Armen seines Papas einschlafen durfte. Ich weiß, dass es meinen Kindern nie an etwas fehlen wird. Sie niemals hungern, frieren und Durst erleiden müssen. Sie medizinische Versorgung, eine gute Bildung erhalten werden und ziemlich sicher nie um ein Morgen bangen müssen. Das alles, weil sie das Glück hatten hier im Herzen Europas geboren zu sein. Dieses Glück hatten die Kinder, die nun in Moria hungern und frieren, keine Schuhe und kein Wasser haben, die in schmutziger Erde liegend, sich an das letzte Stofftier klammern, nicht. Mit ihren Eltern geflüchtet aus Ländern, in denen seit Jahren Krieg herrscht. Auf unvorstellbare Weise nach Europa gekommen, leben sie nun seit Jahren in den überfüllten Lagern Griechenlands. Jeder Mensch, der ein Kind zur Welt gebracht hat, muss sich nur ein einziges Mal die Frage stellen, wie aussichtlos die Situation im Heimatland sein muss, um eine Flucht über Land und Wasser mit seinen Kindern zu riskieren. Niemand flieht, wenn er nicht muss. Niemand flieht, wenn es nicht aussichtslos ist. Jahrelang hat Europa nicht gehandelt. Jahrelang hat Europa zugeschaut, wie Kinder sich in Moria selbst das Leben genommen haben. Wir kennen alle die Bilder von ihnen in Flipflops an offenen Feuerstellen und haben zugeschaut.

Erinnern wir uns an 2015, sagt der Kanzler. 2015 darf sich nicht wiederholen, sagt der Außenminister. Wer die Lager jetzt leert, trägt die Verantwortung für die nächste Zuwanderungswelle. Brandstiftung darf nicht mit Asyl belohnt werden, sagt der Innenminister. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinen, sagt der Kanzler.

Mag es Populismus sein, oder das tatsächlich menschenverachtende Weltbild dieser Bundesregierung – es lässt mich erschaudern. Die Kommentare auf den sozialen Foren geben den großen Politikern häufig recht. Kein Platz für diese Kinder, kein Platz für ihre Eltern, kein Platz für diese Menschen. Immer wieder fällt 2015 und ich frage mich, was war 2015? Wo geht es uns ÖsterreicherInnen seither schlechter? Alle Kriminalitätsstatistiken sind gesunken, die medizinische Versorgung ist gesichert und wenn es uns subjektiv schlechter geht, dann nur weil es Medien und Politik so wollen. Denn es gibt keine validen Daten, die das belegen könnten. 

Minister Blümel, wenn du abends dein Kind sicher und wohlbehütet ins Bett bringst, weißt du dann um deine Politik? Weißt du was dein Handeln, deine Worte, deine Härte, deine Kälte für eine Gesellschaft bilden? Hier geht es nicht um Stimmenmaximierung, hier geht es um ein humanistisches Europa. Ein Europa, der Menschlichkeit, der Achtung vor dem Leben Anderer, ein Europa des Hinsehens und nicht bloß Hinzeigens, um die eigene Macht zu maximieren. Wohl wissend, dass diese Macht auf Kosten der Ärmsten entsteht. 

Nachdem ich fertig geweint habe, bin ich zu meinem Baby gegangen und habe es geküsst und gestreichelt. Dann habe ich mich mit einer Folge einer Serie abgelenkt, um diesen unendlichen Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Diese Ablenkung ist den Kindern und ihren Eltern, all den Menschen in den Lagern Griechenlands wohl nicht vergönnt. Sie leben mit dem Schmerz nicht gewollt zu sein. Sie leben mit dem Schmerz ihren Familien keine sichere Zukunft, kein warmes Bett, Essen und auch nicht genügend Wasser zum Trinken geben zu können. Das Inmitten von Europa. 

Entspannung muss trainiert werden!

Dieser Satz wird viele von uns – mich eingeschlossen – ein bisschen unangenehm berühren. Sollten wir das süße Nichtstun nicht alle gut können? In einer Welt, die ständig auf Hochtouren läuft, von einem ¼-Telefonanschluss nichts mehr weiß, ist Entschleunigung ein Modewort geworden. Aber wie entspannen, wenn der Körper und Geist auf Performance ausgerichtet sind?

Im Yoga sprechen wir oft von Yin und Yang und das ist wohl der Inbegriff von einem ausgeglichenen Leben geworden. Yin, die schwarze Seite des Kreises symbolisiert den Winter, die Nacht, die Ruhe. Yang, die weiße Seite steht für den Sommer, den Tag, die Aktivität. Doch damit nicht genug, so beziehen sich Yin und Yang auf die Funktionen der Organe, das Gemüt und viele andere Qualitäten des Lebens. Sie stehen allerdings nie abgegrenzt für sich: der kalte Winter geht sanft in einen frischen Frühling über und mündet in der Hitze des Sommers, um sich im moderaten Herbst wieder zu finden. Es geht um Ausgleich und Balance. Keine der Qualitäten kann für sich stehen, noch ist eine der anderen überlegen. Sie ergänzen und befruchten sich und suchen das Miteinander und dafür braucht es ein aktives Zutun von uns. 

Wem die Begriffe Yin und Yang zu abstrakt wirken, kann aber einfach auf die Medizin blicken. Parasympathikus und Sympathikus sind Teil unseres vegetativen Nervensystems und repräsentieren ganz ähnlich die unterschiedlichen Qualitäten unseres Seins. Der Sympathikus ist vereinfacht ausgedrückt unser „fight and flight“-System. Er ist immer dann aktiv, wenn unser Körper zu leisten hat. Seine Funktionen sind unter anderem das Steigen der Herzfrequenz, die Erweiterung der Pupillen, aber auch das Zurückhalten des Harns. Kurz gesagt, alles was unser Körper können muss um zu fliehen und zu kämpfen. Hingegen bringt uns der Parasympathikus in den Ruhezustand. Er lässt Puls und Blutdruck sinken, die Augen dürfen sich entspannen und die Verdauung beginnt zu arbeiten. Auch hier benötigen wir beide Teile um gut zu schlafen, verdauen, bewegen und fühlen zu können. 

Das Schöne am Daoismus ist, dass keine der Qualitäten besser ist als die andere. Wenn du dich in einer aber besonders vertreten fühlst, kannst du die andere bewusst stärken und trainieren. Da hilft uns Yoga! Der bewusste Umgang von Aktivität in Passivität kann hier gut geübt werden. Die aktiven Sonnengrüße: der Atem und Puls wird schnell und hoch. Danach kommst du bewusst für ein paar Atemzüge zum Stehen und bist die andere Qualität. Mit ein bisschen Übung, wird der Übergang von Anspannung zu bewusster Entspannung leichter – so kannst du Entspannung trainieren. 

Spannend ist auch, dass jenes Naturereignis, das uns alle zur Welt bringt ein perfektes Zusammenspiel von Yin & Yang/ Parasympathikus & Sympathikus darstellt. Die Pause zwischen den einzelnen Wehen ist genauso wichtig, wie die Kontraktion der Gebärmutter. Wenn unsere kleinen Babys sich nicht in den Wehen-pausen ausruhen würden, um Kraft für das Hinausgleiten aus der Mutter zu sammeln, wäre die Geburt wohl unmöglich. Kaum auf der Welt,  kannst du die Ergänzung dieser beiden Qualitäten besser als bei den Kleinsten beobachten. Sie holen sich ganz viel Ruhe und Schlaf um danach wieder fleißig zu Üben und zu Lernen. 

Gerade in angstbesetzten Zeiten wie diesen, ist es wichtig gut auf uns zu achten um optimale Vorraussetzungen für unseren Geist und damit auch Körper zu sorgen.

Über EPUs, KMUs, MyClubs und Yoga

Um einen etwaigen Fragenansturm entgegenzuwirken, haben wir uns dazu entschlossen einen kurzen Text zu der aktuellen wirtschaftlichen Situation für Klein- und Mittelbetriebe in Österreich zu verfassen. Auch wenn es uncharmant klingt sind wir als Yogastudio ein Unternehmen. Wir zahlen Miete, Strom, Wasser, Gehälter, Registrierkassensoftware, Steuerberater Honorare, unzählige Versicherungen, SVS-Beiträge, Umsatzsteuer, Einkommensteuer und vieles mehr. Dazu kommt ein überschaubarer Betrag, den wir uns selbst auszahlen um unser eigenes Leben zu finanzieren. 

Nun klingt das fantastisch, wenn der Herr Bundeskanzler und sein Team verkünden, dass von nun an keine Mieten mehr zu zahlen sind, SVS-Beiträge gestundet werden können, Kredite zinsfrei vergeben werden und der Härtefond Förderungen auszahlt. Ganz abgesehen davon, dass es dabei noch keine klare Rechtslage gibt und diese Förderungen niemanden tatsächlich abfangen werden, benötigen Unternehmen – ganz nach Peter Hacker – Umsätze und keine Liquidität. 

Worauf möchte ich nun eigentlich hinaus? 

Ganz selten, aber doch wird auch bei uns der Online-Betrieb mit der Äquivalenz eines realen Studiobetriebs in Frage gestellt. Daher haben wir uns entschieden den Preis der Mitgliedschaft von 80 Euro pro Monat, in dieser Zeit, ohne Bindung als Monatskartenpreis anzubieten. Das erscheint uns ein fairer Preis um all jene oben genannten Kosten decken zu können. Hinzu kommt, dass  Online Yoga Stunden ein enormer Arbeitsaufwand sind. Die Stunden werden gedreht, geschnitten, bearbeitet, komprimiert, hochgeladen und versendet, um nur einige der Arbeitsschritte zu nennen. 

Wir arbeiten als Vertragspartner mit MyClubs zusammen, diese launchen mit 2. April ein neues Produkt. Eine Mitgliedschaft mit unlimitierten Zugang um 45 Euro im Monat. Ein Produkt, bei dem natürlich beide ihren Anteil bekommen. Man muss keinE großeR MathematikerIn sein, um sich auszurechnen wieviel da für die Studios übrig bleibt, wenn man als User in mehreren Studios im Monat unzählige Male Yogaklassen online buchen kann

Unsere LehrerInnen investieren viel Zeit, Liebe und Wissen um euch täglich wunderbare, abwechslungsreiche und intelligent aufgebaute Stunden zu bieten. Dabei wird gesungen, Witze erzählt, Positionen genau erklärt, auf Wünsche und Anregungen eingegangen und wir versuchen euch den Zauber der gemeinsamen Yogapraxis auch in dieser schwierigen Zeit im Wohnzimmer zu ermöglichen. Wir sind der Meinung, dass diese Yogastunden mehr wert sind als den oben errechneten Betrag.  Daher werden wir als Coming Hooomm diese Mitgliedschaft unseres Vertragspartners nicht anbieten.

Wie schon seit eh und je, finden wir selbstverständlich für all jene Menschen, die gerne Yoga praktizieren möchten und sich das nicht leisten können, eine individuelle Lösung.

Um nochmals auf die Uncharmantheit des Themas Wirtschaftlichkeit und Yoga zurückzukommen: die meisten von uns Studios werden nicht reich. Die meisten von uns Studios haben Schwierigkeiten diese Zeit zu überstehen. Wenn ihr also nach der Krise in einigen Wochen noch durch  die realen Türen eurer Lieblingsstudios gehen möchtet, dann unterstützt eure lokalen Unternehmen. Dies gilt natürlich nicht nur für unsere Branche, sondern für alle anderen geschlossenen Läden in deiner Umgebung! 

Bleibt gesund und passt auf euch auf! 

Genug ist Genug!

Die Menschen meiner Blase jubeln – sie kennzeichnen den 18. Mai als einen Freudentag. Mir fällt das Freuen und Jubeln schwer. Selbst wenn man versucht alle Gerüchte in die hinteren Teile des Bewusstseins zu schieben – die monatelangen Gerüchte nach Neuwahlen im Herbst, der bereits aktive Wahlkampf der Kanzlerpartei, das merkwürdig passende Auftreten des Ibiza-Videos – bleibt ein mulmiges Gefühl. Ein Video, das dem Kanzler seit Tagen bekannt ist. Am Tag der Veröffentlichung, teilt Sebastian Kurz der Bevölkerung mit „er wisse nun was zu tun sei“ . Trotzdem lässt er Österreich am Samstag bis zum Hauptabendprogramm – der stärksten Sendezeit – warten. Um in 4 Minuten das Zukunftsprogramm zu verkünden: gefasst, als Staatsmann teilt er uns selbstbewusst mit, dass es ohne Sebastian Kurz in diesem Land nicht geht. Die FPÖ zu rechtsextrem und korrupt, die SPÖ teile seine Inhalte nicht und die anderen Parteien sind zu klein. Was bleibt? Er, er allein für dieses Land!

Die Linke freut sich! Endlich ein Ende mit dieser unsäglichen FPÖ als Regierungspartner. Die zwei Wölfe müssen gehen. Mit ihnen wohl noch weitere Wölfe – doch der Wolf im Schafspelz bleibt und er ist derjenige, der mir Angst macht. Kanzler Kurz ruft keine Neuwahlen aus, wenn er sich nicht sehr sicher ist an der Absoluten zu kratzen oder sie zu erreichen. Im Internet tauchen Fragen auf: türkis & pink? Das wäre doch mal schön! NEOS haben ein klares Bekenntnis zum Rechtsstaat und gelebten Parlamentarismus – eine politische Zusammenarbeit, die der neuen ÖVP mit Sicherheit zu anstrengend ist. Eine Liste „Jetzt“, die den Einzug ins Parlament wohl nicht schaffen wird. Die Grünen ohne Mandat im Nationalrat, die einen kurzfristigen nationalen Wahlkampf kaum finanziell stemmen werden können und eine etwas hilflose SPÖ mit einer Bundesvorsitzenden, die ihren Platz noch sucht. Was bleibt ist eine wahrscheinliche politische Zusammenarbeit mit einer „neuen“ geschwächten FPÖ. Eine Partei, die – wie ich glaube, nicht mal viel Prozente einbüßen wird – dennoch dankbar und willig in eine Regierungsbeteiligung einsteigen wird. Oder aber eine Alleinregierung unter Kurz. Der Mann, der das Wort „Message-Control“ nach Österreich gebracht hat, den Parlamentarismus nicht interessiert und der die Sozialpartnerschaft als unnötig betrachtet. 

Nein, ich juble nicht. Ich werde mein rotes T-Shirt anziehen und Wahlkampf machen! Mein kleiner Sohn strampelt schon kräftig in meinem Bauch – sein errechneter Geburtstermin ist der 15. Oktober 2019. Zwei Jahre nachdem diese Bundesregierung angelobt wurde. Ich hoffe diesen Tag neu und schön besetzen zu können, denn ich habe Emil versprochen, dass er ein schönes Leben haben wird. Ein friedliches, sicheres Leben in einem westeuropäischen Staat, dem der Rechts- und Sozialstaat ein Anliegen ist. 

Sie haben einen Krieg gesehen, sie werden uns nie verstehen!

Vor etwas mehr als einem Jahr ist meine Oma gestorben und der Schmerz, den ich verspüre ist weit größer als erwartet. Mit dem Sterben meiner Großeltern vergeht nicht nur Teil meiner Familiengeschichte. Die Generation um Christine Nöstlinger nimmt Erfahrungen mit von dieser Welt, die wir alle nur erahnen können. Eine Generation, die wenn nicht den Krieg zumindest die Jahre danach erlebt hat und mit diesem Wissen in eine völlig neue Welt, der Handys, Coffee to Go und rohem Fisch überzugehen hatte.

Meine Oma wurde als Kind einer armen Arbeiterfamilie mit einem alkoholkranken Vater geboren. Aufgewachsen im zweiten Bezirk musste sie die ersten 12 Jahre in einem Gitterbett für Babys schlafen. Wenn sie den Vorstellungen ihres Vaters nicht nachgekommen ist, stand stundenlanges knien am Holzboden an der Tagesordnung. Sollten sie und ihre Geschwister zu spät nach Hause kommen, wurden ihr Köpfe gegen den Türstock geschlagen, bis sie bluteten. Warum ich das alles weiß? Weil ihre verletzte Seele keine andere Möglichkeit gefunden hat, als mir im Volksschulalter weinend davon zu erzählen. Eine Generation an Menschen, die ihr Leid nicht teilen konnten und keinen Weg fanden ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Ohne Liebe groß geworden, konnte sie ihren Kindern keine sichtbare geben. Erst bei uns Enkerln war es einfacher gewährend und zärtlich zu sein. Und jetzt, ein Jahr nach dem Tod wird mir ihre heroische Leistung bewusst. Ein Leben lang depressiv und alkoholkrank, um sich nicht zu spüren hat sie gelitten und dennoch versucht zu geben. Nie auf Urlaub gewesen und dennoch großzügig unsere Auslandsaufenthalte unterstützt und auch wenn ihr größter Traum war mich als Lehrerin in einem Gymnasium zu wissen, haben sie ihr hart erarbeitetes Geld als Kredit für den Aufbau meines Yogastudios bereitwillig gegeben um ihn mir später zu erlassen. Zuhause im Akkord Geldbörsen genäht, ohne je die Wohnung zu verlassen. Als Klofrau gearbeitet als es notwendig war und trotzdem nicht den Kopf geschüttelt, dass ihre Familie gerne gut und oft essen geht und wenn es doch so weit von allem Begreifbaren für sie war. 2015 hat sie völlig verständnislos gefragt, warum es denn nicht möglich ist Geflüchteten Couscous oder ähnliches zu kochen. „Sowas essen die doch, oder?“ Ach Oma – ich hoffe dir geht’s heute besser und du bist geliebt und geborgen und gehalten!

TCM Ernährungsberatung und Akupunktur bei Coming Hooomm in 1020 Wien-Leopoldstadt

Über die Verantwortlichkeit als Mensch in einer Solidargemeinschaft – Unternehmerin und Yoga?

Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr Mitglied der Sozialdemokatischen Partei Österreichs. Jene Partei, die mit einem schwerfälligen Partei-Apparat besticht. Hinter dem oft alte, dicke Männer stehen, die uns häufig als unangenehm aufstoßen. Die SPÖ sieht man nicht als alternative, hippe Partei wie „die Grünen“, es ist keine innovative Bewegung mit Einzelkämpferinnen ohne politisches Programm wie die „Liste Peter Pilz“ und definitiv kein dynamischer liberaler Geist wie die NEOS. Seit Michael Häupl nicht mehr Wiener Bürgermeister ist, fällt es schwer junge, „linke“, liberale und hippe Menschen davon zu überzeugen, sozialdemokratisch zu wählen.

Doch eben genau diese alten, dicken Männer mit Gewerkschaftshintergrund setzen sich für eine gerechte Welt ein. Eine Welt, die nicht schnelllebig und aufregend erscheint. Sie sorgen dafür, dass Arbeitnehmerinnen-Rechte eingehalten und verbessert – zur Zeit eher nicht verschlechtert – werden. Sie treten für Menschen ein, die meine Blase nicht so sehr interessiert. Mein Umfeld ist zumeist im Mittelstand angesiedelt, mit Hochschulabschluss und einem Beruf, der uns Großteils zufrieden stellt. Zwölf Stunden hin und wieder zu arbeiten, empfinden die meisten von uns als völlig in Ordnung, da es bei unserer Lebenssituation ja tatsächlich oft eine Wahlfreiheit darstellt (sofern eine kapitalistische Welt eben Freiheit erlaubt).

Nun bin ich aber weder Angestellte noch Arbeiterin, sondern Unternehmerin! Zu Beginn habe ich mich dazu entschieden, meine Stunden in meinem Yogastudio selbst zu unterrichten. Mit der Zeit habe ich jedoch erkannt, dass es menschlich wie unternehmerisch besser ist unterschiedliche Yoga-Lehrer anzubieten. Damit tritt eine andere Verantwortung als Mensch auf. Eine Verantwortung, die ich selbst gewählt habe! So ist es in der Yoga-Szene üblich seine Trainerinnen nur dann zu bezahlen, wenn tatsächlich Teilnehmer in den Kursen sind. Anstelle eines fixen Stundensatzes werden Teilnehmerbezogene Honorare ausgezahlt. Urlaubs- und Krankenstandsgeld gibt es keines. Das ist jedoch seit etwa drei Jahren nicht mehr gesetzeskonform. Oben genannte Mitarbeiter der Gewerkschaft haben sich dazu Gedanken gemacht und das als „Schein-Selbstständigkeit“  bezeichnet. Mit gutem Recht. Nachdem ich vorgebe wann diese Stunden abzuhalten sind, handelt es sich dabei um ein Angestelltenverhältnis. Es ist nicht die Aufgabe der Lehrerin die Stunden zu bewerben. Es ist die Aufgabe der Person, die sich dazu entschieden hat ein Unternehmen zu gründen. Damit trägt man nicht nur die Früchte seiner Arbeit, sondern hat eben hin und wieder in den sauren Apfel zu beißen! Ich besteche als „Chefin“ sicher nicht durch eine außergewöhnlich guten Bezahlung, aber ich trage die Verantwortung. Ob kein, ein oder fünfzehn Menschen in meinen Kursen sind, es ist bleibt eine Stunde Arbeit. Ich kann mir gerade nicht mehr als einen Angestellten leisten und alle anderen Stunden besetze ich je nach Lust und Laune der anderen Trainerinnen, die das selbst entscheiden (weil sie nicht mit einer fixen Stundenanzahl im Monat rechnen und davon leben müssen). Ich versuche auf alle Bedürfnisse meiner Yoga-Lehrerinnen einzugehen. Mit dem Resultat, dass beinahe immerzu Bereitschaft herrscht meine Stunden spontan zu übernehmen, wenn ich mit einem Migräneanfall nicht kann. Das nennt man eine Solidargemeinschaft.

Eine Gemeinschaft in der alle ihre Pflichten leisten um für jene zu sorgen, die mal schwächer oder auf Hilfe angewiesen sind. Eine Gesellschaft in der wir Versicherungsbeiträge leisten – nicht um sie irgendwann ausbezahlt zu bekommen – sondern für den etwaigen Bedarf unserer Mitmenschen. Eine Gesellschaft die Verantwortung füreinander übernimmt und in Liebe und Fürsorge aufeinander schaut wird am Ende die Gewinnerin sein!

Yoga und Indien? Yoga und Verletzungen? Yoga und der Weg zu dir?

Als ich vor 10 Jahren begonnen habe Yoga zu üben versprach die Praxis eine mystische Reise zu mir zu werden. Fasziniert von Sanskrit, Mantra-Gesängen, akrobatischen Verrenkungen, weiten Hosen und viel Ruhe zog es mich Woche für Woche auf die Matte. Ich hatte das Glück meine Diplomprüfung an der Universität Wien über Yoga-Philosophie zu absolvieren und tauchte noch tiefer ein. Ein in eine Welt, in der es um mehr ging als um Handstände und fancy Yogapants.

Doch dann wandelte sich die Yoga-Welt und plötzlich übte ich nur noch Handstände und andere hippe Posen. Ich fotografierte diese, machte Videos und kaufte schönes Yogagewand. Statt mehr Ruhe, zog der Gedanke nach mehr Wettbewerb ein. Jeden Tag fand ich mich auf meiner Matte wieder und übte wie besessen. Ganz verloren war der Zauber der einstigen Praxis. Es gab kein Innehalten, keine Atemübungen und kaum Genuss.

Dennoch hatte ich das Glück in einer Zeit begonnen zu haben, in der die Praxis in Wien keine kommerzielle war. Meine erste Yogalehrerin erlaubte mir 3 Jahre lang nur abgewandelte, vereinfachte Versionen und die Studios waren klein und es ging nicht um Leistung. Ich konnte eine gesunde Praxis erlernen, basierend auf Spiraldynamik, Anusara- und Iyengarelementen. Obwohl ich heute bis zu 17 Stunden pro Woche unterrichte und zumeist mitmache, habe ich keinerlei körperliche Beschwerden. Mein Körper fühlt sich stark, dynamisch und gesund an.

Doch 10 Jahre später boomt der Yogamarkt – an jeder Ecke ein neues Studio. Jede Woche bekomme ich Bewerbungen wie „ich praktiziere seit 2 Jahren und habe nun in Indien meine 4-wöchige Ausbildung absolviert“. Das soll nicht heißen, dass jene Menschen nicht großartig unterrichten können, jedoch bin ich überzeugt davon dass eine sichere Praxis mehr braucht.

Und dann werde ich traurig: es kommen Kunden in mein Studio, die laut eigenen Angaben schon lange praktizieren. Sie hängen im Bananenrücken im Stütz, blockieren ihre Ellbogen, überbelasten Handgelenk und Knie. Zumeist sind sie dankbar, wenn ich tausendmal innehalte und erkläre und darauf bestehe eine andere Option der Praxis zu wählen. Oft herrscht Unverständnis. Ich bin traurig, dass Yogastudios ihre Klassen überfüllen um dort Neoliberalismus zu betreiben. Traurig, dass der Leistungsgedanke nun auch in den Yogaklassen herrscht – ohne Rücksicht auf Individualität. Traurig, dass so viele Menschen, die ich kenne an den körperlichen Folgen einer ungesunden Praxis leiden.

Doch vielleicht ist das genau was es braucht: denn nach meiner besessenen Praxis, habe ich zurückgefunden und übe keine hippen Posen mehr. Ich praktiziere kaum und wenn dann mit aller Ruhe und wissend was meine Seele und mein Körper brauchen. Meine Stunden sind langsam und dennoch intensiv. Ich peitsche kein Programm wider besseren Wissens durch, sondern achte und respektiere die Bedürfnisse im Raum. Ich bin voller Hoffnung, dass der Boom seinen Höhenpunkt erreicht hat, um einen neuen Weg der Achtsamkeit, Liebe und Heilung zu öffnen!